Jeden Tag perfekt tragen? - Aus dem Alltag einer Trageberaterin

Ich wurde Trageberaterin, als meine Grosse ein halbes Jahr alt war. Ich lernte in der Ausbildung – zumindest theoretisch – wie man schon gaaaanz kleine Babys auf den Rücken bindet. Und welches die absolut beste und ergonomischste Bindeweise ist. Beim ersten Kind wusste ich das alles noch nicht und jetzt war mir klar: Beim Zweiten trage ich von Anfang an perfekt!

Und dann war es da, unser zweites Baby. Die Freude war natürlich riesengross und ich konnte es kaum abwarten, ihn ins Tragetuch zu binden. Nach zwei Wochen fand ich, es sei an der Zeit, ihn im Einfachen Rucksack auf den Rücken zu binden. Aber hoppla, so einfach war das gar nicht! Er streckte sich so fest durch, dass es fast nicht möglich war, ihn schön «einzubeuteln». Und seine Beine waren so kurz, dass die Unterschenkel an meine Speckrollen gedrückt wurden, anstatt frei zu baumeln. Kein Problem für mich als Trageberaterin: Wochenlang feilte ich an der Bindetechnik und hatte grenzenlosen Ehrgeiz, das Ganze perfekt hinzubekommen.

Irgendwann aber, holte mich der Alltag ein. Es brauchte so viel Energie und Zeit, das Tragetuch einigermassen gut hinzubekommen. Ressourcen, die mir für die grosse Schwester dann fehlten. Die Grosse von der Spielgruppe abzuholen, war ein Kraftakt: Das Baby richtig warm einpacken inklusive Mütze und Babylegs. Ihn in den Rucksack binden. Ihn nochmals neu in den Rucksack binden, weil der Beutel hochgerutscht war. Meine Schuhe anziehen. Tragejacke drüber. Dann hören, wie sich der Kleine auf meinem Rücken übergibt. Jacke, Schuhe und Tragetuch wieder ausziehen. Kind neu anziehen. Mich neu anziehen. Und dann alles nochmal von vorn. Am Schluss konnte ich immer öfter die Tränen nicht mehr zurückhalten und es wurde mir klar: Das kann es nicht sein!

Obwohl ich also als Trageberaterin gelernt hatte, dass das Tragetuch doch einiges ergonomischer als jede Tragehilfe ist, musste ich mich geschlagen geben. Ich trug meinen Sohn nur noch im LueMai. Und ich war soo dankbar, dass ich im immer noch strengen Alltag mit zwei kleinen Kindern eine Erleichterung gefunden hatte.

Mittlerweile ist mein Baby von damals 6 Jahre alt und ich durfte viele, viele Mamas beraten. In den Beratungen merke ich immer wieder: Nicht nur die Bedürfnisse des Babys sind wichtig! Auch der Mama (und dem Papa!) muss es gut gehen! Manchmal gibt es eben Tage (oder gar Wochen oder Monate!), an denen «gut genug» zählt. Und nicht perfekt. Wir haben das grosse Glück, dass unsere Kinder nicht zerbrechlich sind. Sie gehen nicht kaputt, wenn sie nicht perfekt getragen werden. Aber Mamas, die können kaputtgehen, wenn sie nicht auf sich selbst achten.

Natürlich bin ich nicht von meinem «Goldstandard» weggekommen. Natürlich setze ich immer noch die selben Masststäbe. Es ist mir immer noch wichtig, den Mamas aufzuzeigen, wo das Optimum liegt beim Tragen. Aber es ist mir genauso wichtig, dass dies als Richtung verstanden wird. Als Ziel, dem man so nahekommt, wie es halt eben geht. Und das jeden Tag aufs Neue. Das Tragen ist kein Wettbewerb. Wenn die Mama trägt, hat das Baby eh schon gewonnen.

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